Pressemeldungen

Fr, 20.03.2020Predigt für den Gottesdienst am Sonntag Lätare (22. März 2020)

Diese Predigt wurde für den 22.3.20 von Pastor i.R. M. Trümer verfasst, um sie im Gottesdienst im Gemeindezentrum im Hartenkamp zu halten. 

Sie können die Predigt hier lesen oder im PDF-Format downloaden: PREDIGT


Predigttext:    Johannes 12,20-26
Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21 Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. 22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus. 23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. 25 Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's bewahren zum ewigen Leben. 26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

 

Liebe Gemeinde!

„Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens“. Unter diesem Thema habe ich mal mit meinen Konfirmanden einen Vorstellungsgottesdienst vorbereitet und gefeiert.

Im Mittelpunkt standen folgende Fragen:

„Was erwarten wir vom Leben? Wie stellen wir uns unsere Zukunft vor? Was bedeutet für uns „sinnvoll zu leben“?

Hier einige Antworten unserer Konfirmanden: „Ich hoffe auf einen guten Schulabschluss, damit ich einen guten Job bekommen kann. Ich möchte mal viel Spaß haben – ein Leben voll spannender Events. Na ja, und ein Haus, ein Hammer-Auto, eine Freundin und genug Geld wäre auch nicht schlecht…“

Nun, zugegeben, unsere Antworten würde sicher etwas anders ausfallen, moderater und zurückhaltender. Was wohl auch damit zusammenhängt, dass wir einer anderen Generation angehören und um einiges älter sind. Und doch- bei Licht betrachtet, sind die Lebensträume unserer Konfirmanden gar nicht so weit von unseren eigenen entfernt. 

Wer wünscht sich das denn nicht – ein Leben, das nach unseren Vorstellungen verläuft, ohne große Störungen und Unannehmlichkeiten. Ein Leben, in dem die Freude überwiegt und möglichst wenig dunkle Wolken am Horizont herausziehen. Sonnenschein ist doch allemal besser zu ertragen als Regen, Sturm und Hagel. Man lebt schließlich nur einmal. Darum ist es doch nur recht und billig, dass wir möglichst gut und störungsfrei und leben und uns die Lebensfreude nicht verderben lassen.

Aber nun sagt Jesus in unserem Predigttext aus dem Johannes-Evangelium etwas ganz Merkwürdiges:

„Wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren. Wer es aber gering achtet, der wird es erhalten.“

Hand aufs Herz, liebe Gemeinde: Wer von uns hat sein Leben denn nicht lieb? Wer von uns hängt nicht am Leben? Wer versucht denn nicht, dem Leben möglichst viele angenehme Seiten abzugewinnen? Das ist doch schließlich ganz menschlich und deshalb natürlich und normal. Oder etwa nicht? Sein Leben gering schätzen oder gar hassen – das ist doch unnatürlich, anormal, pervers und unmenschlich….

Lieber reich und gesund als arm und krank, pflegen wir manchmal scherzhaft zu sagen.

Aber Scherz beiseite – wer wäre denn lieber arm und krank als reich und gesund?

Allerdings, liebe Gemeinde, auch dies kann niemand übersehen und leugnen:

Das Leben ist eben nicht nur Glück und Liebe, Erfolg, Gesundheit, Wohlstand, Besitzen und Behalten. Es besteht nicht nur als „action“, „events“ und Vergnügungen. Leben – das bedeutet nicht nur „groß sein, Geltung haben, anerkannt werden, jung und dynamisch sein…“

Auch das ist Leben: Krankheit, Schicksalsschläge, Niederlagen und Enttäuschungen, Angst haben müssen – so wie jetzt viele von uns vor dem Corona-Virus, Abschied nehmen, trauern, Liebe und Anerkennung entbehren müssen; spüren, wie die Kräfte nachlassen, alt werden, abhängig sein, Einschränkungen hinnehmen müssen und auf vieles verzichten, was wir jetzt in diesen Tagen und Wochen hautnah erleben, verlieren, loslassen – am Ende auch unser eigenes Leben….

Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Wo in strahlender Schönheit ein Regenbogen am Himmel erscheint, da ist vorher ein kräftiges Gewitter niedergegangen. Wo Berge sind, da sind auch Täler. Und Liebe und Hass liegen bekanntlich oft dicht beieinander.

Unser Leben ist niemals nur das Eine, sondern immer auch das Andere. Es ist selten eindeutig und geradlinig. Es ist zwiespältig und ambivalent. Die hellen und dunklen Seiten lassen sich nicht so ohne Weiteres voneinander trennen. Und wenn wir es versuchen wollten, würden wir damit scheitern. Leben und Tod sind zwei Seiten ein- und derselben Wirklichkeit und aufeinander bezogen wie der Plus- und Minuspol eines magnetischen Kraftfeldes…

Und oft genug muss etwas sterben, damit etwas Neues entstehen und wachsen kann. 

So wie das Weizenkorn, von dem Jesus hier spricht. Es muss erst in die  Erde fallen und sterben, sonst bleibt es ein einzelnes Korn. Nur wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.

Dem Leben und dem Glück kommen wir nicht auf die Spur, indem wir es festhalten und konservieren. Wer festhält, wer klammert um jeden Preis, wird immer von der  Angst besessen sein, es  zu verlieren. Leben – d. h. eben auch lieben und sich hingeben. Und lieben, d. h. immer auch leiden und hergeben, loslassen und trauern…

Liebe ohne Leiden – so wie es Udo Jürgens seiner Tochter in einem seiner Lieder wünscht – ist ein frommer Wunsch, der kaum zu erfüllen ist.

Und glücklich wird man auch nicht dadurch, dass man nur das eigene Gelingen im Blick hat. Vielleicht besteht das Glück ja gerade darin, dass man es nicht für sich behält, sondern es großzügig teilt und verschenkt.

Jesus erteilt diese Lektion über das Leben und seinen tieferen Sinn Menschen, die in guter Absicht gekommen sind. Sie wollen ihn sehen, ihn vor Augen haben – die Griechen, die auf dem Passahfest in Jerusalem sind und zwei seiner Jünger bitten, sie zu ihrem Herrn und Meister zu führen.

Aber wen wollen sie eigentlich sehen? Den großen Wundertäter, der Tote auferwecken kann? Den Supermann, der ewiges Glück verheißt, den Jesus Christ Superstar also? Den Wohlfühl-Gott, den Talisman und Glücksbringer für alle Fälle…?

Und wen wollen wir sehen, liebe Gemeinde? An welchen Jesus möchten wir glauben?

Sehen wir in ihm nicht auch gern so eine Art Übermenschen, den Gottessohn, der alles kann und vermag – zumindest uns ein gutes, angenehmes Leben sichern und vor Leid und Unglück bewahren?

Wir wollen einen wirklichen Gott sehen. Gott aber zeigt uns in Jesus einen wirklichen Menschen. Noch dazu einen recht unattraktiven. Einen, der sein Kreuz auf sich nimmt und leidet.

Aber dieses Leiden ist eben kein Masochismus. Keine Lust am Leiden. Es ist ein Leiden, das dem Leben dient. Jesus leidet und stirbt, damit aus seinem Tod neues Leben erwächst. So wie das Weizenkorn in die Erde fällt, damit aus ihm Nahrung wächst, die Menschen satt macht. Auf diese Weise enthüllt er uns das Geheimnis des Lebens und lehrt uns die wahre Lebenskunst. Zeigt uns, was Leben nicht ist – Bewahrung des „status quo“; festhalten, wie es ist, sich ausruhen in einer bürgerlichen, beschaulichen Idylle. Wer klammert und festhält, der wird es erst recht verlieren.

„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen….“. So heißt es in einem bekannten Gedicht von Hermann Hesse. Und er fügt hinzu: „Des   Lebens Ruf an uns wird niemals enden…Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Leben ist Bewegung, Veränderung, ein ständiges Neuwerden, ein  Weitergehen und Fortschreiten, ein ständiges Loslassen, Abschied nehmen und neu anfangen und dabei darauf vertrauen, „dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“

Leben – d. h. nicht die Angst unterdrücken, sondern sich ihr zu stellen, sie auszuhalten und sie zu überwinden.

Leben – d. h. eigenes und fremdes Leid nicht bagatellisieren und schönreden, sondern es aushalten, bearbeiten, sich mit ihm auseinandersetzen und daran reifen….

Es ist – wenn man so will – eine Art Lernprozess, in den Jesus uns hier hinein nehmen möchte. Ein oftmals schmerzlicher und mühseliger Lernprozess. Aber ein heilsamer: Das Alte muss sterben, damit das Neue leben kann.

Beziehungen, die entzwei gegangen sind und nicht mehr zu heilen und mit neuem Leben zu füllen sind, müssen sterben. Eltern müssen ihre Kinder loslassen, damit sie erwachsen werden und auf eigenen Füßen stehen. Eine Krankheit will durchlebt und durchlitten sein, damit sich etwas in unserem Leben ändert und neu wird.

Ein Leid, von dem wir betroffen sind, will angenommen werden, damit wir anderen besser beistehen, sie kompetenter trösten und ihnen helfen können.

Und das sind durchaus keine Floskeln und hohe Phrasen, liebe Gemeinde. Das ist kein theoretisches Geschwätz. So etwas geschieht tatsächlich. Solche Erfahrungen gibt es immer wieder unter uns. 

Da kenne ich Eltern, die sich nach dem Tod ihres krebskranken Kindes nicht in Leid und Trauer vergraben, sondern die sich stark machen und einsetzen für die all die Eltern und Kinder, die von einem ähnlichen Schicksal betroffen sind. Ihr Leiden hat also Frucht gebracht – für andere, denen geholfen wird, aber auch für sie selbst, weil ihr Leben eine neue Perspektive gewinnt.

Oder ich muss an so manch einen denken, der sich einsetzt für Menschen, die in Not sind – z. B. bei „Ärzte ohne Grenzen“, auf einem Seenotretterkreuzer im Mittelmeer, als Krankenschwester und Sanitäter in einem Flüchtlingslager auf Lesbos oder die vielen Ärzte, Krankenschwestern, Sanitäter und freiwillige Helfer, die sich bemühen, die Krise in den Griff  zu bekommen, die uns jetzt alle beschäftigt.. Menschen; die sich nicht schonen, die sich vielen Gefahren für Leib und Leben einsetzen und auf die eigene Gesundheit keine Rücksicht nehmen – bis an die Grenzen der eigenen Kraft.

Manch einer mag da sagen: Schön dumm! Aber das sind doch wohl nur die, die das Geheimnis des Lebens noch nicht begriffen haben.

Für mich geht von solchen Menschen sehr viel Hoffnung aus – Hoffnung, ohne die ich nicht leben und auf die ich nicht verzichten möchte. Für mich ist das jedenfalls wichtig, auch um Menschen zu wissen, die nicht nur an die eigene Karriere und an den nächsten Beratervertrag denken, sondern die sich uneigennützig für Aufgaben der Gemeinschaft einsetzen. Und ich begreife dann auch, was das heißt – an Jesus zu glauben. Denn das möchte ich genauso wie Sie.

Und ich verstehe: An Jesus glauben – d.  h. nicht nur ihn in frommer Betrachtung anzuschauen und zu bewundern. An Jesus glauben – d. h. sich auf seinen Weg einzulassen. Seinen Spuren in meinem Leben und unserer Welt aufzusuchen und  zu entdecken – seine Spuren der Liebe und Barmherzigkeit. Und die führen nun einmal nicht am Kreuz vorbei, sondern geradewegs dorthin.

Und doch dürfen wir darauf vertrauen: Wir werden auf diesem Weg nichts verlieren, was wir nicht entbehren könnten, dafür aber alles gewinnen, was wir wirklich zum Leben brauchen. Und dabei auch erfahren, dass in ihm viel  Freude ist – auch im Leid. Und dass auf das Dunkel des Kreuzes das helle Licht der Ostersonne fällt und uns verspricht, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt, der uns beschützt und der uns hilft zu leben. Amen.

 

Manfred Trümer (manfred.truemer@No Spamlk-bs.de)


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